DBT bei Suchterkrankungen

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie, kurz DBT, ist in der Suchtbehandlung besonders wichtig, wenn starke Gefühle, Impulsivität und psychische Begleiterkrankungen den Konsum antreiben. Häufig wird sie als DBT-S angeboten.

DBT bei Suchterkrankungen
DBT bei Suchterkrankungen

Das bedeutet: Die klassische DBT wird gezielt an Suchterkrankungen angepasst. Im Mittelpunkt steht nicht nur Abstinenz. Es geht auch darum, Craving auszuhalten, Krisen zu überstehen und neue Verhaltensweisen zu trainieren. Besonders hilfreich ist DBT-S bei Menschen mit emotionaler Instabilität, häufigen Rückfällen, Selbstschädigung oder Borderline-Merkmalen.

Das Wichtigste in Kürze

  • DBT-S ist eine suchtbezogene Anpassung der Dialektisch-Behavioralen Therapie.
  • Sie hilft vor allem bei emotionaler Dysregulation, Impulsivität und komorbiden Störungen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung.
  • Der Ansatz verbindet Akzeptanz des aktuellen Zustands mit aktiver Veränderung durch Skills.
  • Zentrale DBT-Skills sind Achtsamkeit, Emotionsregulation, interpersonelle Effektivität sowie Stress- und Krisenbewältigung.
  • DBT-S ergänzt klassische Suchttherapie, ersetzt aber meist keine Langzeitentwöhnung.

Was ist DBT-S in der Suchtbehandlung?

DBT-S ist eine auf Suchterkrankungen angepasste Form der Dialektisch-Behavioralen Therapie. Sie unterstützt Betroffene dabei, Craving, impulsives Verhalten, starke Emotionen und Rückfallrisiken besser zu bewältigen. Besonders geeignet ist sie, wenn Sucht mit emotionaler Instabilität, Suizidalität, Selbstschädigung oder Borderline-Merkmalen verbunden ist.

DBT-S als spezialisierte Therapie bei Suchterkrankungen

DBT wird bei Suchterkrankungen vor allem dann eingesetzt, wenn der Konsum eng mit starken Gefühlen verbunden ist. Viele Betroffene konsumieren nicht nur aus Gewohnheit. Sie greifen zu Alkohol, Drogen oder anderen Suchtmitteln, weil innere Spannung kaum auszuhalten ist.

Genau hier setzt DBT-S an. Die Methode betrachtet Suchtverhalten als kurzfristig wirksamen, aber langfristig schädlichen Lösungsversuch. Deshalb wird nicht nur gefragt, was konsumiert wurde. Es wird auch gefragt, welche Emotion, welcher Konflikt oder welcher Druck davor stand. Besonders relevant ist DBT-S bei emotionaler Dysregulation, Impulsivität und Komorbidität.

Dazu zählen zum Beispiel Borderline-Persönlichkeitsstörung, Selbstverletzung, Suizidalität oder starke Beziehungskonflikte. In spezialisierten Kliniken wird DBT-S deshalb als strukturierte Erweiterung der Standard-DBT angeboten.

DBT-S unterscheidet sich von einer rein konsumbezogenen Behandlung. Der Konsum bleibt wichtig, aber er ist nicht das einzige Thema. Auch Stimmungsschwankungen, Scham, Wut, Angst, Leere und zwischenmenschlicher Stress werden einbezogen.

Das ist entscheidend, weil diese Faktoren Suchtdruck oft verstärken. Wer nur den Konsum betrachtet, übersieht manchmal den inneren Auslöser. DBT-S macht diesen Auslöser sichtbar. Danach werden konkrete Skills trainiert. So entsteht ein Weg, der nicht nur auf Kontrolle setzt, sondern auf handhabbare Alternativen im Alltag.

Bereich Bedeutung in der DBT-S
Emotionale Dysregulation Starke Gefühle werden erkannt, benannt und reguliert.
Impulsivität Automatische Konsumentscheidungen werden unterbrochen.
Komorbidität Begleitende Störungen wie Borderline-Merkmale werden mitbehandelt.
Craving Suchtdruck wird als Welle verstanden, die ohne Konsum abklingen kann.
Rückfallrisiko Notfallpläne und Skills helfen bei kritischen Situationen.

Die Grundidee: Akzeptanz und Veränderung zugleich

Das zentrale Prinzip der DBT ist die Dialektik. Damit ist ein Spannungsfeld gemeint. Auf der einen Seite steht Akzeptanz. Auf der anderen Seite steht Veränderung. In der Suchtbehandlung ist diese Balance besonders wichtig. Betroffene sollen nicht beschämt werden, weil sie konsumiert haben.

Gleichzeitig soll das Suchtverhalten nicht verharmlost werden. DBT-S sagt daher: Das bisherige Verhalten hatte eine Funktion, aber es braucht neue Lösungen. Dieser Gedanke wirkt oft entlastend. Er öffnet den Raum für Veränderung, ohne Schuld und Druck in den Mittelpunkt zu stellen.

Akzeptanz bedeutet nicht, dass Konsum gutgeheißen wird. Sie bedeutet, dass der aktuelle Zustand realistisch anerkannt wird. Erst dadurch kann Veränderung geplant werden. Viele Menschen mit Suchterkrankungen kennen extreme Selbstabwertung nach Rückfällen.

Diese Scham kann wiederum neuen Konsum auslösen. DBT-S versucht, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Statt „Ich habe versagt“ entsteht die Frage: „Was ist passiert, und welchen Skill brauche ich jetzt?“ Dadurch wird ein Rückfall nicht ignoriert. Er wird analysiert und als Lernmoment genutzt. Genau diese Haltung macht DBT-S für komplexe Suchtverläufe so wertvoll.

Ein besonderer Blickwinkel ist dabei die Idee der „funktionalen Nüchternheit“. Abstinenz ist wichtig, aber sie allein reicht vielen Betroffenen nicht. Wer zwar nicht konsumiert, aber weiterhin in Panik, Selbsthass oder Beziehungskrisen gefangen ist, bleibt gefährdet.

DBT-S fragt daher: Wie stabil ist die Person wirklich im Alltag? Kann sie Streit aushalten? Kann sie Einsamkeit überstehen? Kann sie Craving beobachten, ohne sofort zu handeln? Diese Fragen machen die Therapie praktischer. Sie verschieben den Fokus von „nicht konsumieren“ zu „ein Leben aufbauen, in dem Konsum weniger notwendig erscheint“.

Welche Problemkreise DBT-S gezielt adressiert

DBT-S richtet sich an typische Probleme, die in der Suchttherapie häufig auftreten. Dazu gehört starke emotionale Instabilität. Viele Betroffene erleben Gefühle nicht als normale Schwankungen, sondern als überwältigende Zustände. Angst, Ärger, Langeweile, Einsamkeit oder Scham können sehr schnell zu Suchtdruck führen. Dann scheint der Konsum kurzfristig wie eine Lösung.

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DBT-S zeigt jedoch, dass diese Lösung neue Probleme erzeugt. Deshalb lernen Betroffene, den Moment zwischen Gefühl und Handlung zu verlängern. Genau in diesem Moment können Skills eingesetzt werden. So entsteht mehr Kontrolle, ohne dass Gefühle unterdrückt werden müssen.

Ein weiterer Problemkreis ist Craving. Suchtdruck tritt oft in Wellen auf. Er beginnt, steigt an und fällt wieder ab. Viele Betroffene erleben ihn jedoch so, als würde er nie enden. DBT-S arbeitet deshalb mit Strategien, die helfen, diese Welle auszuhalten.

Dazu gehören Ablenkung, radikale Akzeptanz, Atemübungen, Körperreize und Notfallpläne. Auch HALT-Techniken können helfen. HALT steht häufig für Hunger, Ärger, Einsamkeit und Müdigkeit. Diese Zustände erhöhen das Rückfallrisiko. Wer sie früh erkennt, kann schneller gegensteuern.

Auch häufige Rückfälle werden in DBT-S ernst genommen. Ein Rückfall gilt nicht nur als Regelbruch. Er ist ein Hinweis auf fehlende Skills, unklare Pläne oder überfordernde Auslöser. Das ist wichtig, weil moralischer Druck selten hilft. Viele Betroffene brauchen stattdessen eine genaue Kettenanalyse. Dabei wird Schritt für Schritt betrachtet, wie es zum Konsum kam.

Danach wird überlegt, an welcher Stelle ein Skill geholfen hätte. DBT-S berücksichtigt außerdem Suizidalität sowie Selbst- oder Fremdgefährdung. Gerade bei Sucht und Borderline-Merkmalen können diese Risiken gemeinsam auftreten. Deshalb braucht es eine klare, strukturierte und sicherheitsorientierte Behandlung.

Problemkreis Typische Dynamik DBT-S-Ansatz
Emotionale Instabilität Gefühle kippen schnell und intensiv. Emotionen erkennen, benennen und regulieren.
Labile Stimmung Stimmungsschwankungen erhöhen Konsumdruck. Frühwarnzeichen und Skills trainieren.
Craving Suchtdruck wirkt kaum aushaltbar. Druckwellen beobachten und ohne Konsum überstehen.
Rückfälle Konsum folgt oft auf Stress oder Konflikte. Kettenanalyse und Rückfall-Notfallplan nutzen.
Suizidalität und Selbstschädigung Krisen eskalieren schnell. Sicherheit, Krisenpläne und therapeutische Struktur stärken.

Die wichtigsten DBT-Skills im Suchtkontext

Im Zentrum von DBT-S steht das Skillstraining. Skills sind konkrete Fertigkeiten, die in schwierigen Situationen eingesetzt werden. Sie sollen nicht nur verstanden, sondern regelmäßig geübt werden. Der erste Bereich ist Achtsamkeit.

Betroffene lernen, Gefühle, Körperempfindungen und Verlangenswellen neutral zu beobachten. Das ist wichtig, weil Craving oft automatisch zu Konsum führt. Achtsamkeit schafft Abstand. Der Gedanke „Ich muss jetzt konsumieren“ wird dann zu „Ich bemerke gerade starken Suchtdruck“. Diese kleine Veränderung kann entscheidend sein.

Zur Achtsamkeit gehören auch das Vermeiden von Urteilen und einmütiges Handeln. Viele Menschen mit Sucht bewerten sich hart. Sie denken schnell in Kategorien wie „schwach“, „kaputt“ oder „hoffnungslos“. Solche Urteile erhöhen Stress. DBT-S trainiert daher eine beobachtende Haltung. Einmütiges Handeln bedeutet, bei einer Sache zu bleiben. Im Suchtkontext heißt das zum Beispiel: nicht gleichzeitig diskutieren, grübeln und Fluchtpläne entwickeln. Stattdessen wird bewusst ein Skill gewählt. So wird die Entscheidung klarer.

Der zweite Bereich ist Emotionsregulation. Hier geht es darum, Auslöser zu verstehen und emotionale Brandzeiten zu verkürzen. Eine Brandzeit ist die Dauer, in der ein Gefühl stark bleibt. Bei Sucht kann diese Zeit gefährlich sein. Angst, Ärger oder Langeweile können den Wunsch nach Konsum verstärken.

DBT-S nutzt deshalb Techniken wie Emotionen beschreiben, Gegenemotionen aufbauen und Alltagsstruktur schaffen. Wer Angst spürt, kann zum Beispiel Trost, Sicherheit und Orientierung aktiv herstellen. Wer Langeweile spürt, kann geplante Aktivität einsetzen. So wird Konsum nicht mehr zur einzigen Form der Regulation.

Der dritte Bereich ist interpersonelle Effektivität. Viele Rückfälle entstehen nach Streit, Zurückweisung oder Grenzverletzungen. DBT-S trainiert deshalb, Bedürfnisse klarer zu benennen. Auch Grenzen werden geübt. Betroffene lernen, Konflikte nicht sofort als Katastrophe zu erleben.

Gleichzeitig geht es um Beziehungserhalt und Selbstrespekt. Das ist wichtig, weil Menschen mit instabilen Beziehungen oft besonders stark getriggert werden. Wer Konflikte besser bewältigt, braucht Suchtmittel seltener als emotionalen Notausgang.

Der vierte Bereich ist Stress- und Krisenbewältigung. Dieser Bereich wird auch Distress Tolerance genannt. Er hilft, sehr belastende Zustände zu überstehen, ohne sie sofort lösen zu müssen. Im Suchtkontext ist das besonders wertvoll. Craving muss nicht verschwinden, bevor man abstinent bleiben kann.

Es muss zunächst ausgehalten werden. Dafür nutzt DBT-S radikale Akzeptanz, Ablenkungsstrategien, Körperübungen und Notfallpläne. Auch kurze Abstinenz-Ziele können sinnvoll sein. Wichtig ist außerdem die schnelle Rückkehr zur Abstinenz nach einem Rückfall.

Skillbereich Ziel Beispiel im Suchtkontext
Achtsamkeit Suchtdruck bewusst wahrnehmen „Ich beobachte Craving, ohne sofort zu handeln.“
Emotionsregulation Gefühle besser steuern Ärger erkennen und Gegenstrategien nutzen.
Interpersonelle Effektivität Beziehungen stabiler gestalten Grenzen setzen, statt Konsum als Ausweg zu nutzen.
Stresstoleranz Krisen ohne Konsum überstehen Radikale Akzeptanz, Ablenkung und Notfallplan anwenden.

DBT-S im Vergleich zur klassischen Suchttherapie

Klassische Suchttherapie hat viele wichtige Schwerpunkte. Dazu gehören Biografiearbeit, Abstinenzmotivation, Gruppenprozesse und der Konsumverlauf. Auch Rückfallprävention spielt dort eine zentrale Rolle. Diese Inhalte bleiben wichtig. DBT-S ersetzt sie nicht automatisch.

Vielmehr ergänzt DBT-S die klassische Suchttherapie um eine stark strukturierte und skillbasierte Linie. Das ist besonders hilfreich, wenn emotionale Krisen immer wieder zu Konsum führen. Dann reicht es oft nicht, nur über Motivation zu sprechen.

DBT-S ist konkreter im Umgang mit akuten Situationen. Betroffene lernen nicht nur, warum sie konsumieren. Sie lernen auch, was sie in den nächsten zehn Minuten tun können. Das macht den Ansatz alltagsnah. Typisch sind Gruppen-Skillstraining, Einzeltherapie, telefonische Coaching-Optionen und Team-Konsultation.

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Die Gruppe vermittelt Fertigkeiten. Die Einzeltherapie hilft, persönliche Muster zu analysieren. Telefonisches Coaching kann in akuten Momenten unterstützen. Die Team-Konsultation sorgt dafür, dass Behandelnde abgestimmt und stabil arbeiten.

Ein wichtiger Unterschied liegt auch in der Haltung zum Rückfall. Klassische Programme bewerten Rückfälle oft stark abstinenzbezogen. DBT-S bleibt ebenfalls abstinenzorientiert, betrachtet Rückfälle aber zusätzlich als Verhaltenskette. Diese Kette kann analysiert und verändert werden.

Dadurch wird aus einem Rückfall eine therapeutische Information. Das kann Scham reduzieren. Es kann auch die Wahrscheinlichkeit senken, dass ein einmaliger Konsum in eine längere Rückfallphase kippt. Genau deshalb passt DBT-S gut zu Menschen mit wiederholten Rückfällen.

Trotzdem ist DBT-S meist keine vollständige Alternative zur Langzeitentwöhnung. Bei schwerer Abhängigkeit braucht es oft umfassende Suchtbehandlung. DBT-S kann diese Behandlung aber sinnvoll ergänzen. Besonders gilt das bei komorbider emotionaler Instabilität oder Borderline-Merkmalen. Dann werden Konsum, Beziehungsmuster, Selbstgefährdung und Emotionsregulation gemeinsam betrachtet. Das macht die Behandlung komplexer, aber auch passgenauer. Die Person wird nicht nur als „süchtig“ gesehen, sondern in ihrer ganzen Belastung verstanden.

Klassische Suchttherapie DBT-S
Fokus auf Abstinenz, Motivation und Konsumverlauf Ergänzt Abstinenzarbeit durch konkrete Skills
Biografie und Gruppenerleben sind zentral Verhalten, Gefühle und Krisen werden sehr strukturiert analysiert
Rückfallprävention ist ein Kernziel Rückfälle werden zusätzlich als Verhaltenskette verstanden
Häufig breiter therapeutischer Ansatz Besonders geeignet bei emotionaler Dysregulation und Borderline-Merkmalen
Langzeitentwöhnung kann zentral sein Ergänzt die Entwöhnung, ersetzt sie aber meist nicht

Wirksamkeit, Zielgruppen und Einsatzorte von DBT-S

DBT-S wird besonders bei Menschen eingesetzt, die neben der Suchterkrankung weitere schwere Belastungen haben. Dazu gehören Borderline-Persönlichkeitsstörung, Selbstschädigung, Suizidalität und starke Impulsivität. Studien und klinische Erfahrungen zeigen, dass DBT-S in diesen Gruppen hilfreich sein kann. Beschrieben werden Verbesserungen bei Craving-Intensität, Rückfällen, Suizidalität und Selbstschädigung. Wichtig ist jedoch, dass DBT-S strukturiert durchgeführt wird. Die Methode lebt vom Üben. Nur Wissen über Skills reicht nicht aus.

Ein typischer Einsatzort sind spezialisierte Suchtkliniken. Dort kann DBT-S stationär oder teilstationär eingebunden werden. Auch ambulante DBT-Skill-Gruppen werden zunehmend genutzt. Das ist wichtig, weil viele Betroffene nach einer Klinikphase weiter Unterstützung brauchen. Skills müssen im Alltag erprobt werden. Dort entstehen die eigentlichen Risikosituationen. Dazu gehören Streit, Einsamkeit, Geldprobleme, alte Kontakte oder plötzlicher Suchtdruck. Ambulante Gruppen können helfen, diese Situationen regelmäßig zu reflektieren.

DBT-S eignet sich vor allem für Menschen, bei denen Konsum eng mit innerer Spannung verbunden ist. Wer vor allem wegen körperlicher Abhängigkeit behandelt wird, braucht möglicherweise andere erste Schwerpunkte. Bei emotional getriggertem Konsum ist DBT-S jedoch besonders relevant. Die Therapie bietet klare Werkzeuge für den Moment, in dem alte Muster aktiv werden. Dadurch wird Selbstwirksamkeit aufgebaut. Betroffene erleben, dass sie Craving nicht hilflos ausgeliefert sind. Diese Erfahrung kann sehr motivierend sein.

Gleichzeitig braucht DBT-S Verbindlichkeit. Die Skills müssen wiederholt trainiert werden. Viele Übungen wirken zunächst ungewohnt oder künstlich. Das ist normal. Entscheidend ist die Anwendung in echten Belastungssituationen. Erst dann zeigt sich, welche Strategie passt. Deshalb arbeiten gute DBT-S-Angebote mit Hausaufgaben, Protokollen und konkreten Notfallplänen. So wird Therapie nicht nur zum Gespräch, sondern zum Trainingsprozess. Dieser Trainingscharakter macht DBT-S in der Suchtbehandlung besonders wirksam.

Wie DBT-S im Alltag eines Suchtpatienten konkret wirken kann

Der Nutzen von DBT-S zeigt sich besonders im Alltag. Ein Beispiel ist eine Person, die nach einem Konflikt starken Suchtdruck bekommt. Früher hätte sie vielleicht sofort konsumiert. Mit DBT-S lernt sie, zuerst innezuhalten. Sie benennt das Gefühl, etwa Wut, Angst oder Scham. Danach prüft sie körperliche Risikofaktoren wie Hunger, Müdigkeit oder Anspannung. Anschließend wählt sie einen Skill. Das kann eine Atemübung, kaltes Wasser, Ablenkung oder ein Kontakt aus dem Notfallplan sein. So wird aus einem automatischen Rückfall eine bewusste Entscheidungssituation.

Ein anderes Beispiel betrifft Beziehungskonflikte. Viele Betroffene erleben Kritik als Ablehnung. Dadurch steigt der innere Druck sehr schnell. DBT-S trainiert, in solchen Momenten nicht sofort zu flüchten oder zu konsumieren. Stattdessen werden Bedürfnisse klarer ausgesprochen. Auch Grenzen können sachlicher formuliert werden. Die Person lernt, Beziehung und Selbstrespekt gleichzeitig im Blick zu behalten. Das reduziert Stress. Weniger Beziehungsstress bedeutet oft auch weniger Suchtdruck.

Auch bei Langeweile kann DBT-S helfen. Langeweile wird in der Suchttherapie manchmal unterschätzt. Für viele Betroffene ist sie jedoch ein starker Trigger. Ohne Struktur entstehen Leere, Grübeln und Suchtdruck. DBT-S setzt deshalb auf geplante Aktivitäten und Alltagsstruktur. Das klingt einfach, ist aber therapeutisch bedeutsam. Struktur verringert Entscheidungsmüdigkeit. Sie schafft Vorhersehbarkeit. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Konsum als schnelle Lösung erscheint.

Ein noch wenig beachteter Blickwinkel ist die Rolle von Mikro-Entscheidungen. Rückfälle beginnen selten erst beim Konsum. Häufig starten sie viel früher. Eine unbeantwortete Nachricht, ein ausgelassenes Essen, ein riskanter Kontakt oder eine ungeplante Route können Teil der Rückfallkette sein. DBT-S kann helfen, diese kleinen Vorstufen sichtbar zu machen. Dadurch entsteht Prävention, bevor Craving übermächtig wird. Betroffene lernen, nicht erst im roten Bereich zu handeln. Sie greifen früher ein, wenn Veränderung noch leichter möglich ist. Das ist ein großer Vorteil gegenüber rein reaktiven Rückfallstrategien.

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Dialektische Abstinenz – Der goldene Mittelweg

Ein zentraler Baustein der DBT bei Suchterkrankungen ist die sogenannte dialektische Abstinenz. Dieses Konzept unterscheidet sich grundlegend von klassischen Suchttherapien, da es zwei scheinbare Gegensätze vereint: das unbedingte Ziel der totalen Abstinenz und die radikale Akzeptanz, falls ein Rückfall eintritt.

Anstatt nach einem Vorfall in Scham und Selbstaufgabe zu versinken, nutzt die DBT diesen Moment für eine detaillierte Verhaltensanalyse. Ziel ist es, die „Kette“ der Ereignisse zu verstehen, die zum Konsum geführt hat, um für die Zukunft stabilere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Diese Herangehensweise nimmt den enormen psychischen Druck von den Betroffenen und fördert eine langfristige, ehrliche Auseinandersetzung mit der Suchtproblematik, ohne die Motivation bei Rückschlägen zu verlieren.

Spezifische Sucht-Skills – Urge Surfing und Burning Bridges

Um den Suchtdruck erfolgreich zu bewältigen, bietet die DBT bei Suchterkrankungen spezialisierte Skills an, die über das Basis-Training hinausgehen. Eine der bekanntesten Techniken ist das „Urge Surfing“: Hierbei lernen Patienten, das Verlangen nach Suchtmitteln wie eine Welle zu betrachten, die ihren Höhepunkt erreicht und dann natürlich abebbt, ohne dass man ihr nachgeben muss.

Ein weiterer wichtiger Skill ist „Burning Bridges“ (Brücken abbrechen), bei dem es darum geht, alle radikalen Reize und Kontakte zu entfernen, die den Konsum begünstigen könnten. Diese proaktive Gestaltung der Umwelt ist in der Suchttherapie essenziell.

Durch das Erlernen dieser spezifischen Fertigkeiten erhalten Betroffene ein konkretes Werkzeugset, um auch in Hochrisikosituationen die Kontrolle über ihr Handeln zu behalten.

Die Sucht als dysfunktionaler Skill (Doppeldiagnose)

In der spezialisierten Therapie wird Sucht oft als Versuch der Selbstregulation verstanden, weshalb die DBT bei Suchterkrankungen besonders bei Doppeldiagnosen so effektiv ist. Viele Patienten nutzen Substanzen unbewusst als „Ersatz-Skill“, um unerträgliche emotionale Spannungen oder innere Leere zu betäuben.

Die Therapie setzt genau hier an: Sie validiert den ursprünglichen Schmerz, entlarvt den Konsum aber als kurzfristige Lösung mit langfristig zerstörerischen Folgen. Wenn Patienten lernen, ihre Emotionen durch gesunde Skills zu steuern, verliert die Sucht schrittweise ihre Funktion als Überlebensstrategie.

Dieser Fokus auf die zugrunde liegende Emotionsregulation ist der Schlüssel, um nicht nur die Droge wegzulassen, sondern die psychische Stabilität nachhaltig wiederherzustellen und die Lebensqualität dauerhaft zu sichern.

Quellen:

  1. Giesen-Bloo, J., et al.: Eine Meta-Analyse zur Wirksamkeit der Dialektisch Behavioralen Therapie
  2. Universitätsklinikum Ulm: DBT-Programm – Informationen zur dialektisch-behavioralen Therapie
  3. Originalbeitrag: Wirksamkeit und Grenzen einer DBT-basierten tagesklinischen Behandlung für Patient:innen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

FAQ zur DBT-Therapie bei Suchterkrankungen

Was bedeutet DBT-S genau?

DBT-S ist eine spezielle Modifikation der Dialektisch-Behavioralen Therapie, die gezielt auf die Bedürfnisse von Menschen mit Substanzabhängigkeiten zugeschnitten ist. Sie integriert klassische Suchthilfe-Elemente in das bewährte Konzept der Emotionsregulation.

Warum ist DBT bei Suchterkrankungen effektiver als andere Methoden?

Da Sucht oft ein Versuch ist, extreme Gefühle zu regulieren, setzt die DBT direkt an der Ursache der emotionalen Instabilität an. Sie bietet praktische Alternativen zum Konsum, anstatt nur das Weglassen der Substanz zu fordern.

Was ist „Urge Surfing“?

Urge Surfing ist ein Skill, bei dem man lernt, Suchtdruck als vorübergehende körperliche Welle wahrzunehmen und auszuhalten. Man „reitet“ auf dem Verlangen, bis es von allein wieder nachlässt, ohne aktiv zu werden.

Können auch Menschen ohne Borderline-Diagnose an einer Sucht-DBT teilnehmen?

Ja, das Training der Emotionsregulation und Stresstoleranz ist für fast alle Suchtpatienten hilfreich, unabhängig von einer Persönlichkeitsstörung. Viele Kliniken öffnen ihre DBT-Gruppen daher für ein breites Spektrum an Abhängigkeitserkrankungen.

Wie geht die DBT mit Rückfällen um?

Ein Rückfall wird in der DBT nicht als Scheitern, sondern als wertvolles Datenmaterial für eine Verhaltensanalyse betrachtet. Gemeinsam mit dem Therapeuten wird untersucht, welche Skills in der Situation gefehlt haben, um die Abstinenz zu schützen.

Was versteht man unter „Dialektischer Abstinenz“?

Es ist die gleichzeitige Verfolgung von 100%iger Abstinenz bei gleichzeitiger Planung für den Umgang mit potenziellen Rückfällen. Diese Balance verhindert den „Alles-oder-Nichts-Effekt“, der oft zu schweren Abstürzen führt.

Wie lange dauert eine DBT-S Therapie?

Die Dauer variiert je nach Setting, aber ein vollständiger Zyklus des Skill-Trainings dauert in der Regel etwa sechs Monate. Viele Patienten profitieren von einer Kombination aus stationärer Intensivphase und ambulanter Weiterführung.

Was ist der Skill „Burning Bridges“?

Dieser Skill beschreibt das radikale Abbrechen aller Brücken zur Suchtwelt, wie das Löschen von Nummern oder das Meiden bestimmter Orte. Es ist eine proaktive Entscheidung, Versuchungen aus dem Weg zu gehen, bevor der Suchtdruck entsteht.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Sucht-DBT?

In Deutschland ist die DBT ein anerkanntes Verfahren und wird im Rahmen einer stationären oder ambulanten Psychotherapie von den Kassen übernommen. Voraussetzung ist meist eine entsprechende Indikation durch einen Facharzt oder Therapeuten.

Hilft DBT auch bei Verhaltenssüchten wie Spielsucht?

Obwohl die meisten Programme auf Substanzen fokussiert sind, lassen sich die Prinzipien hervorragend auf Spiel- oder Kaufsucht übertragen. Die Mechanismen der Impulskontrolle und Emotionsregulation sind bei fast allen Suchtformen identisch.

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